Trikot, Schal und Glückssocken

Ich bin ein Glubberer, also einer jener Fußballfans bei denen die Gesamtpalette aller Emotionen während einer Spielsaison einmal komplett zum Tragen kommt. Ich liebe dieses Wechselbad der Gefühle zwischen euphorisch, deprimiert, glücklich und entnervt. Und das erlebe ich am intensivsten wenn ich mir ein Fußballspiel live im Stadion anschaue. Diese kleine Ich-Zeit ist für mich wichtig, denn hier finde ich einen Freiraum um meine Emotionen, die im Alltag stark gebremst werden, ausleben zu können. Verstehen kann das nur, wer selbst einmal bei einem Spiel im Stadion dabei war und dieses Gefühl einer tief schürfenden Gemeinschaft erleben durfte.

Sobald ich auf der Autobahn das Hinweisschild „Zum Stadion“ erblicke steigt mein Adrenalinspiegel. Auf der Überholspur sehe ich in vielen Fahrzeugen Hinweise auf Verbündete. Vereinsschals die über den Kopfstützen der Rücksitzbank gespannt sind, Fahnen, Wimpel und Aufkleber auf der Hutablage und der Heckscheibe. Auch ich gebe mich durch meinen Schal zu erkennen. Gemeinsam sind wir auf dem Weg zum Club. Direkt vor mir fährt ein Fahrzeug mit einem riesigen Vereinsaufklebers des heutigen Spielgegners auf der Heckklappe. Kurz vor der Ausfahrt muss ich ihn noch überholen damit er bis zum Stadionparkplatz meinen Vereinsschal vor Augen hat. Damit ist der erste Zweikampf gewonnen und meine positive Energie wird sich mental auf die Mannschaft übertragen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Mit meinen Bekannten: einem Glubberer, einem Eintracht Frankfurt Fan und einem Anhänger des VfL Bochum laufe ich vom Parkhaus am Messegelände durch ein kleines Wäldchen zum Max-Morlock-Stadion. Auf dem Weg dorthin erfolgt bereits die erste Vorbesprechung zum anstehenden Spiel. Wichtige Punkte sind die aktuelle Tabellensituation, der Ausfall wichtiger Spieler, die aktuellen Torschützen und Stärken und Schwächen des Gegners. Bei einem starken Gegner motiviere ich mich mit dem Satz unseres Trainers „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ und vertraue auf meine FCN-Glückssocken, die neben meinem Trikot und dem Vereinsschal zu meiner Stadion-Grundausrüstung zählen.

Der Aberglaube ist bei Fußballfans weit verbreitet. So kenne ich jemanden der während einer schwierigen Saison seines Lieblingsvereins die Live-Übertragungen der Heimspiele nur in Unterhose und Vereinskniestrümpfe stehend vor dem Fernseher mitverfolgt. Die Erfolgsquote ist zwar nicht sonderlich hoch, aber er lässt sich von seinem Fussball-Voodoo nicht abbringen. Und auch bei meinen FCN-Glückssocken ist die Erfolgsquote eher bescheiden.

Vor dem Haupteingang reihen wir uns in die Schlange der Fußballbegeisterten ein und sind Teil der Gemeinschaft die darauf wartet der Mannschaft als Zwölfter Mann zum Sieg zu verhelfen. Wir haben Tickets für Sitzplätze im Block 16, meinem persönlichen Lieblingsblock. Hier sitzt man auf Höhe der Mittellinie gegenüber der Haupttribüne und hat das Spielgeschehen im symmetrisch perfektem Verhältnis im Blick. Bevor wir unsere Plätze aufsuchen bleibt noch Zeit uns mit Drei im Weggla und einem Becher Bier zu versorgen. Wir teilen uns auf. Die Glubberer besorgen die Bratwürste, die Nicht-Glubberer das Bier. Während wir für unsere Verpflegung anstehen lausche ich einem interessanten Gespräch über Stadionwürste und erfahre dass es einer Umfrage zufolge die besten Stadionwürste in Nürnberg, Kaiserslautern und auf Schalke gibt. Ich mische mich ein und frage die zwei älteren Herren ob sie die Würzburger Bratwurst kennen die es als Geknickte bei den Würzburger Kickers im Stadion gibt und lerne dass man so eine Frage in Nürnberg besser nicht stellt.

Der heilige Rasen

Während wir zu unseren Plätzen laufen kommen die Mannschaften zum Aufwärmen aufs Feld und werden bereits mit den ersten Fan-Gesängen begrüßt. Ich atme tief ein. Stadionluft! Da ist diese Art Freiheit wie ich sie aus Wildwest-Filmen kenne. Locker im Schalensitz sitzend und bereit für das Abenteuer: Abstiegskampf. Die Mannschaften sind in ihre Umkleidekabinen zurückgekehrt und die Fahnenträger betreten den Heiligen Rasen zur Fahnenparade. Das Stadion erhebt sich und während die Glubberer ihre Vereinsschals mit beiden Händen über den Köpfen halten wird die Vereinshymne angestimmt. Das ist für jeden Fußballfan und Stadionbesucher der bewegendste und emotional ergreifendste Moment vor dem Spielbeginn und ich genieße es ein textsicherer Teil des großen FCN-Chors zu sein. Dann kommen die Spieler aufs Feld und das Match kann beginnen.

Nürnberg beginnt überraschend offensiv und dominiert mit läuferisch hohem Aufwand teile der ersten Halbzeit. Das ist so nervenaufreibend dass es der jungen Frau zwei Reihen vor mir wohl Zuviel wird. „Kommt noch jemand mit aufs Klo?“ fragt sie hörbar für uns alle die Mädels in ihrer Reihe und schon erheben sich alle und bewegen sich Richtung Toilette ohne dabei von ihren Smartphones aufzublicken. Von den beiden Rentnern schräg hinter mir höre ich nur den Kommentar „So etwas hätte es früher nicht gegeben“ und ich bin mir nicht sicher ob sie die Mädels gemeint haben oder die gegnerische Torchance hervorgerufen durch einen schweren Abwehrfehler.

Der Club zu Gast in Frankfurt

Nach gut einer halben Stunde Spielzeit wären die Nürnberger fast noch in Führung gegangen, hätte der gegnerischer Verteidiger nicht in letzter Sekunde unseren jungen Stürmer Törles Knöll am Abschluss gehindert. Die Nerven liegen blank und bis zum nächsten Bier dauert es noch knapp 10 Minuten. Links von mir höre ich den Satz „Ich freu mich scho sooo auf mei Bratwörtschla“ und blicke, während ich die Füße für die Vorbeischlurfenden einziehe, in das Gesicht eines entnervten Ehemannes der es wahrscheinlich gerade bereut seine Frau zum Spiel mitgenommen zu haben und ich mache mir Gedanken was wohl passieren wird wenn ein Tor fällt während er draußen an der Würstchenbude steht.

Dann ist endlich Halbzeit und es steht noch immer Null zu Null. Ich bin erleichtert und biege erstmal ab zu den Toiletten während meine Bekannten nochmal Bier für uns holen gehen. Als ich wieder zu ihnen komme erzählen sie mir dass es fast zu einer Schlägerei gekommen wäre da ein Fan der gegnerischen Mannschaft während dem Anstehen am Bierausschank sich darüber ausgelassen hat dass man hier überall zu lange warten muss und das Bier in zu kleinen Bechern ausgeschenkt wird. Erst als er anfing über die Größe der Bratwürste zu stänkern und seine Kumpels die drohende Gefahr des Verdroschen werden spürten, brachten sie ihn zum Schweigen. Solche Nörgler findet man leider überall.

Die Leidensfähigkeit der Glubberer

Die zweite Halbzeit beginnt und bei den Mädels zwei Reihen vor uns startet das Fotoshooting für deren Instagram- oder Snapchat-Account . Mit Sätzen wie „You look soooo cute“ spulen sie ihre einstudierten Posen wie kleine Supermodels ab und der gesamte Block ist für ein paar Minuten leicht abgelenkt. Auf dem Spielfeld schaffen es die Nürnberger das Spiel relativ offen zu halten und in der 70. Minute ist es dann soweit. Nach einer Ecke flankt Misidjan auf den eingewechselten Zrelak und der Slowake köpf den Ball zum 1:0 ins Netz. „Toooooor!“ Alle springen auf, jubeln, fallen sich in die Arme, sind völlig aus dem Häuschen und irgendwo hinter mir eine Stimme „Endlich macht mal einer was ich ihm sage“ … so ist das beim Fußball: im Stadion gibt es fast so viele Trainer wie zu Hause vor dem Fernseher.

Nach dem Treffer hat der Club noch zwei gute Möglichkeiten die Führung weiter auszubauen während dem Gegner kaum zielgerichtete Angriffe gelingen. Wir sind bereits in der Nachspielzeit und dann kommt es wie wir Glubberer es leider schon gewohnt sind: eine Flanke, ein Kopfball, ein Tor und Abpfiff. Den Sieg durch einen Lucky Punch vor der Nase weggeschnappt zu bekommen, das tut weh. Schweigend verlassen wir das Stadion. Auf dem Weg nach draußen drängelt sich ein Typ an mir vorbei der uns bereits während des Spiels immer wieder aufgefallen ist. Er sprang immer auf wenn er eine vermeintlich falsche Entscheidung des Schiedsrichters lautstark verurteilte und schickte gleich noch wüste Beleidigungen hinterher was uns sehr amüsierte. Jetzt ist er still geworden. Murmelt nur noch „die können nichts, das sag ich schon seit Monaten“ vor sich hin.

Die Würzburger Kickers empfangen den Club

Während wir uns im Tross enttäuschter Club-Fans mit dem Auto Richtung Autobahn bewegen fange ich bereits wieder zu rechnen an. Es sind noch 6 Spieltage und 18 mögliche Punkte zu holen. Und Auswärts ist der Club in dieser Saison sowieso stärker. Der Trainer hat es bereits gesagt „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ und an uns Fans kann es nicht gelegen haben. Wir standen als geschlossene Einheit bis zum Abpfiff hinter der Mannschaft.

Vielleicht sollte ich mir doch noch eine FCN-Glücksmütze zulegen um die Kraft der Glückssocken zu verstärken. Ich erzähle es den Jungs und alle lachen. Das nächste Spiel schauen wir uns in Frankfurt bei der Eintracht an und Bochum wäre auch mal einen Ausflug wert. Und weil es bei uns keine echte Fan-Rivalität gibt habe ich heute doch noch gewonnen!