Buchtipp: Die Straße der Ölsardinen

„Die Straße der Ölsardinen“ von John Steinbeck habe ich irgendwann in den 80er Jahren im Bücherregal meiner Eltern entdeckt. Just in der Zeit als mein Lieblingsautor Charles Bukowski war. Ich nahm das Buch zur Hand und fühlte mich bereits auf der ersten Seite vom Autor provoziert. Der erste Satz hatte eine Länge die über zwei drittel der Seite ging. Da meine Aufmerksamkeit Defizite aufwies bis ich den Punkt am Ende des Satzes erreichte, musste ich diesen ein zweites mal lesen und nach dem dritten Mal nahm ich die Herausforderung an.

Ich erinnere mich noch gut daran dass ich beim Lesen über die lebhaften Dialoge und die Situationskomik viel gelacht und geschmunzelt habe. Aber eine Schilderung der Charaktere und vor allem die Handlung könnte ich beim besten Willen nicht mehr wiedergeben. Also einfach nochmal lesen!

Das Buch beginnt mit der Beschreibung eines typischen Tages in der Cannery Row, der Straße der Ölsardinenfabriken in Monterey, Kalifornien und stellt mir nach und nach die wichtigsten Charaktere vor die dort leben. Da sind der chinesische Krämer Lee Chong der mit allem handelt was benötigt wird und dessen Old-Tennessee-Brennung den Spitznamen „Old Tennis Shoes“ trägt. Die Bordellbetreiberin Dora Flood die ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu ihren Mädchen pflegt. Der Meeresbiologe Doc der mit lebendem Meeresgetier und biologischen Präparaten handelt und Mack, einem Erfolgsverweigerer der als Anführer einer Clique gemeinsam mit seinen Jungs eine ausrangierte Fischmehlhalle Stück für Stück in ein Zuhause verwandelt. Und schon bin ich gedanklich bei Charles Bukowski und stelle mir vor dass er sich bei den beschriebenen Figuren die allesamt Aussteiger aus einem kapitalistischen System sind sehr wohl gefühlt hätte.

Cannery Row ist mehr als nur eine Straße, es ist die Gegend der Ölsardinen und Konservenbüchsen, ist ein Gestank und ein Gedicht, ein Knirschen und Knarren, ein Leuchten und Tönen, ist eine schlechte Angewohnheit, ein Traum.

John Steinbeck, Straße der Ölsardinen (Seite7)

Wenn die Hauptakteure, wie in diesem Buch, präzise, witzig und geistreich beschrieben werden dann entdecke ich immer eine Figur mit der ich mich identifizieren kann. In diesem Fall ist das Mack. Er arbeitet um zu Leben, ist äußerst einfallsreich und versucht seine Ideen zu verwirklichen oder erhobenen Hauptes daran zu scheitern. Er ist intelligent. hilfsbereit und hat ein Gespür für die Gefühlslage anderer Menschen.

Und dieses Gespür bringt Mack auf die Idee eine Party für den melancholischen Doc zur Freude auszurichten. Finanzieren wollen er und seine Jungs die Feier mit Fröschen die sie für Doc fangen und ihm verkaufen. So machen sie sich in einem eigentlich fahruntüchtigen Ford T auf den Weg und treffen auf einen Landbesitzer der sie mit Flinte und Hund zunächst vertreiben möchte. Doch Mac sieht dass die Hündin lahmt. Er bietet Hilfe an und so Endet der Tag im Haus des Landbesitzers mit einem Fässchen Whisky und einer wilden Froschjagd im Bewässerungsteich hinter dem Haus. Die Party für Doc scheint gesichert.

Wieder zurück in der Cannery Row tauschen sie bei Cheng Lee sukzessive die Frösche gegen Lebensmittel und Dekomaterial und da Doc, der verreist ist, sein Haus nie absperrt beginnen sie das Vorzimmer für die Überraschungsparty zu dekorieren und die Frösche mitten im Raum in einem großen Gefäß zu platzieren. Während die Vorbereitungen laufen wird bereits ordentlich Whisky getrunken und die festliche Stimmung und die laute Musik locken vorbeikommenden Passanten an. Die Situation eskaliert als ein Missverständnis mit Fausthieben aufgeklärt wird. Die Eingangstür, Fensterscheiben und Geschirr gehen zu Bruch und als ein Betrunkener in das Gefäß mit den Fröschen stürzt ergreifen diese die Flucht und das Fest ist zu Ende.

Als Doc von seiner Reise zurückkehrt findet er sein Heim völlig verwüstet vor. Mack versucht zu erklären wie es dazu kommen konnte doch Doc will keine Erklärung und schlägt stattdessen auf Mac mit der Faust ein der es ohne Gegenwehr hinnimmt. Erst als Doc in seinem Inneren plötzlich Musik von Monteverdi hört erlischt sein Zorn. Gemeinsam trinken sie ein Bier und Mack erzählt seine Lebensgeschichte in der alles was er in bester Absicht anfasst irgendwann zerbricht.

In der Cannery Row kursieren tags darauf Gerüchte die Jungs hätten Lee Chong betrogen, Getränke und Geld gestohlen und seien arglistig ins Laboratorium eingedrungen. Sie werden geächtet und als der kleine Welpe den Mack vom Landbesitzer aus Dankbarkeit geschenkt bekommen hat erkrankt, überträgt sich das Unglück der Jungs nach und nach auf die ganze Stadt. Erst als Doc, der nichts von der Traurigkeit der Jungs ahnt, mit einem Rat wie der Hund zu kurieren sei hilft, ist der Bann gebrochen. Mack sucht Rat bei Dora Flood wie eine Wiedergutmachung für den Doc aussehen könnte. Und da muss Dora nicht lange überlegen: eine Party!

Damit hat das Buch sein Happy End und ich hatte viele Stunden pures Lesevergnügen in denen ich eintauchen durfte in die kleine Welt sympathischer Gelegenheitsarbeiter, Dirnen und Sonderlinge die in einer alten Fischmehlhalle wie Mack und seine Jungs, einem ausrangierten Dampfkessel wie Mr und Mrs Sam Malloy oder auf einem selbstgebauten Boot wie Henri der Maler leben und sich täglich im Kramladen von Lee Chong treffen. Ich erfuhr warum der Doc kein Arzt ist und trotzdem Notfallversorgung leistet wenn in der Cannery Row eine Grippe-Epidemie ausbricht und warum Dora und ihre Mädchen ihm im Schichtbetrieb zwischen Puff und Krankenlager zu Hilfe eilen.

Epilog

Vor Jahren hatte ich eine Lebenssituation in der es mir schwer fiel Gesprächen zu folgen oder mich an ihnen zu beteiligen. Diese verlorengegangene Wahrnehmung wurde mir auch schmerzlich bewusst wenn ich mich mit Freunden über Bücher unterhielt die ich gerne gelesen habe und ich feststellen musste dass ich bei vielen Titeln gar nicht mehr wusste worum es in diesem und jenem Buch ging. Oft waren es nur noch Bruchstücke einer Handlung die ich versuchte zusammenzufügen um meinen interessierten Gesprächspartnern das Lesevergnügen das mir dieses Buch bereitete zu vermitteln.

Seit es mir wieder besser geht habe ich damit begonnen meine „alten“ Bücher erneut zu lesen. Natürlich kaufe ich mir auch regelmäßig noch neue Bücher und manchmal trage ich auch ein Buch zu einem Bücher-Tausch-Regal und tausche es dort gegen ein Anderes ein. Ich bin sehr glücklich darüber das gelesene wieder so aufnehme zu können dass ich anderen davon erzählen kann um sie für diese wunderbaren Geschichten zu begeistern.