Ein klein wenig Fernweh

Side in der Türkei

Ich sitze auf dem „Sonnuntergangs-Bänkle“ und genieße den herrlichen Blick ins Maintal. Das Bänkle gehört zu den von Michael Göpfert gestalteten Genuss- & Ruheecken in den Weinbergen von Thüngersheim und Retzbach. In dem liebevoll gestalteten Flyer den ich am „Weinkultur-Eck“ mitgenommen habe, steht über diesen Platz: Sonnenuntergänge so schön wie am Strand. Und trotz der sich mir darbietenden Schönheit der Natur fliegen meine Gedanken plötzlich davon, Richtung Meer. Ich spüre ein klein wenig Fernweh.

Paradiesisch schön

Vor ein paar Jahren hatte mich Mitte Oktober mein bester Freund angerufen. Er wollte mal hören wie es mir geht und ganz nebenbei nachfragen was ich von einem spontanen Kurzurlaub halte. Er muss, meinte er, dieses Jahr noch Urlaub nehmen und das wiederum brachte ihn auf die Idee, wir beide könnten doch eine Woche in die Türkei fliegen um ein wenig Sonne zu tanken. Ich war hin und her gerissen, sah aber die Gelegenheit bei mediterranem Klima und guten Gesprächen wieder mal durchzuatmen, Energie zu tanken und ein wenig die Seele baumeln lassen zu können.

Ein kleiner Willkommensgruß: Wein und frisches Obst!

Anfang November stiegen wir bei bei angenehmen 24 Grad Außentemperatur und strahlendem Sonnenschein am Orange Palace Hotel aus dem Shuttlebus und bereits an diesem Tag wurden mir in diesem Hotel alle Vorurteile, die ich bisher dem Pauschalurlaub gegenüber hatte, widerlegt. Der Service, das Zimmer und das Essen waren absolut top und da dieses Hotel nur bei wenigen Reiseunternehmen angeboten wurde, gab es auch den Einfall der viel beschriebenen „Urlaubsvandalen“ nicht zu befürchten.

Im Foyer des Orange Palace Hotels

Nach dem Einchecken ging es sofort runter ans Meer. Das Hotel hatte einen eigenen Strandabschnitt, den wir bereits nach 5 Minuten Fußweg erreichten und der neben Liegen in ausreichender Anzahl auch eine überdachte Strandbar hatte. Das Meer war relativ ruhig und die Sonnenstrahlen tanzen in Form kleiner Sterne auf der Wasseroberfläche. So saß ich auf meiner Liege und starrte für die nächsten Stunden völlig hypnotisiert aufs Meer und fand es hier paradiesisch schön.

Den Abend verbrachten wir in der Hotellobby. Vom ersten Stock aus, in dem wir unser Zimmer hatten, konnten wir das gesamte Foyer überblicken. Die meisten Tische waren bereits mit 4 und 6 Personen besetzt und die gesamte Szenerie erinnerte mich an einen Romme-Abend im Seniorenheim. Perfekt! Wir nahmen das Backgammon-Spiel mit und fanden zwei freie Plätze an einer Sitzgruppe in der Nähe der Bar. Die Gäste dort waren in unserem Alter und so kamen wir relativ schnell ins Gespräch. Und weil die Qualität der angebotenen Weine nicht über die Kategorie Hauswein hinaus ging, konnten wir am nächsten Morgen ohne Kopfschmerzen in den Tag starten.

Kommst du nur mal gucken

Nach einem ausgiebigen Frühstück, von einem Buffet das keine Wünsche übrig ließ, starteten wir unsere Strandwanderung nach Side. Dort erlebte ich zum ersten Mal diesen typischen, für den überwiegend deutschen Touristen initiierten, türkischen Bazar.
„Hallo junger Mann. Kommst du gucken. Brauchst du neue Hose.“
„Nein danke.“
„Brauchst du kurze Hose.“
„Nein danke.“
„Brauchst du Gürtel.“
„Nein danke.“
„Hab ich traumhafte Schuhe für deine Frau zu Hause.“
„Nein danke.“
„Kommst du nur mal gucken. Hab ich teure Uhren, ganz billig.“
Zwanzig Meter weiter hörten wir ihn immer noch mit uns reden und so wiederholte sich dass bei jedem Laden bis wir zurück am Meer waren.

Wir fanden ein kleines Lokal und entschieden uns spontan ein Päuschen einzulegen und uns ein gut gekühltes Efes dort auf der schattigen Terrasse zu gönnen. Von hier aus hatten wir einen wunderbaren Blick auf den Yachthafen und konnten die Schiffe beobachten die alle paar Minuten zu Fahrten entlang der Küste starteten.

Vom Hafen aus führte eine Straße den Berg hinauf zu den Ruinen von Side. Auf dem Weg dorthin sahen wir auf dem Meer ein Piratenschiff das bei Kindern sehr beliebt zu sein schien. Es waren, dank der Jahreszeit, relativ wenig Touristen unterwegs und so konnten wir uns das Wahrzeichen der Stadt, den Apollon Tempel und das Römische Theater ungestört anschauen.

Schönheitspflege auf Arabisch

Die nächsten beiden Tage verbrachten wir fast komplett am Strand. Unterbrochen lediglich durch ein leckeres Mittagsbuffet, zwei Massage Terminen und einem Besuch im Hamam.

Die Massagen fanden direkt im Basement des Hotels statt und wurden erst durch das Buchen mehrerer Termine preislich interessant. Doch es lohnte sich, denn die freundlichen Mitarbeiter kneteten mich in angenehmer Atmosphäre so kräftig durch, dass ich bereits nach der ersten Anwendung ein wohltuendes Körpergefühl verspürte.

Riesiger Kronleuchter im Foyer des Orange Palace Hotels

Zum Besuch des Hamam musste ich mich von meinem besten Freund erst überreden lassen. Ich konnte mir nicht vorstellen dass mir diese spezielle Badezeremonie die der Körperreinigung dient und in deren Fokus die Entspannung durch Wasserdampf und der anschließenden Massage mit Seifenschaum zusagen würde. Aber Neugierig war ich natürlich schon.

Nachdem wir unsere Kleider abgelegt und geduscht hatten wurden wir in eine schwach temperierte Sauna geführt. Dort sollten unsere Muskeln entspannen, sich die Poren unserer Haut öffnen und durch den Einsatz ätherischer Öle die Atemwege gereinigt werden. Nach etwa 15 Minuten wurden wir abgeholt und in einen Raum mit einer großen Marmorplatte geführt. Nachdem wir uns auf die warme Platte gelegt hatten wurden wir von den Hamam Meistern, den „Tellak“ mit einem feuchtwarmen Handtuch, auch „Kees“ genannt, massiert. Mir persönlich war das etwas zu sanft und auch das erneute Umhüllen mit Schaum und die dazugehörige Massage, die wieder mit einem Handtuch durchgeführt wurde, hätte für mich kräftiger und intensiver sein dürfen.

Bevor es in die Entspannungsphase überging, wurde der Seifenschaum mit warmen Wasser vom Körper gewaschen und wir wurden in große Badehandtücher gewickelt. In einem Nebenraum standen Liegen und hier durften wir bei leiser orientalischer Musik und einem Glas Tee so lange verweilen wie wir wollten, bevor wir uns wieder dem Urlaubsalltag zuwandten.

Gegen Ende der Woche stand noch der Besuch des größten Basars an der türkischen Riviera, in Manavgat, auf unserem Plan. Um dorthin zu kommen nahmen wir einen Dolmus, eine spezielle Art von Sammeltaxi. In Manavgat stiegen wir kurz nach der Brücke, die über den gleichnamigen Fluss führt, aus und erreichten nach wenigen Metern den überdachten Bereich des Basars. Neben leckeren Früchten und Obst aus dem regionalen Anbau, den typischen Markenfälschungen und günstigen Krims-Krams bekommt man hier an den Ständen eine gute Mischung aus Produkten, die sich Touristen und Einheimische wünschen. Kann man mögen….muss man aber nicht. Spannend ist es aber allemal und gesehen haben sollte man ihn auch….wenn man schon mal hier in der Nähe ist.

Mit Klinge und Flamme

Am Tag der Heimreise hatten wir noch den kompletten Vormittag Zeit und den nutzten wir um einen Barber-Shop aufzusuchen. Das Erlebnis mit Klinge und Flamme das Gesichtshaar bearbeitet zu bekommen wollten wir uns nicht entgehen lassen.

Der Barbier war nur wenige hundert Meter von unserem Hotel entfernt. Die Begrüßung war sehr herzlich und nachdem wir beide je einmal die komplette Gesichtspflege gebucht hatten durfte ich als Erster auf den „Behandlungsstuhl“

Nachdem die Rasierschaumcreme in einem kleinen Schälchen geschmeidig geschlagen und großzügig auf meinem Gesicht verteilt wurde, begann die Rasur mit einer echten Rasierklinge. Dabei wurden zunächst die Härchen an den Ohren und dem Nasenansatz entfernt. Nachdem sich meine Anspannung ein wenig gelegt hatte, staunte ich erneut als ich ein zähflüssiges Wachs auf die Gesichtshaut aufgetragen bekam. Nachdem es abgekühlt war, wurde es mit blitzschnellen Bewegungen wieder abgerissen. Das wird gemacht, so bekam ich erklärt, um verstreute Haare die der Klinge entgangen sind zu entfernen.

Dann kam der Showdown. Der Barbier hielt einen kleinen Stock in der Hand, der nach Benzin roch und am Ende mit einem Tuch umwickelt war. Er zündete es an, drehte meinen Kopf leicht zur Seite und wedelte mit der Flamme zunächst vor meinen Ohren und dann vor meiner Nase. Danach war mein Gesicht komplett gerodet und ein wenig gerötet. Zur Abkühlung wurde ein sehr intensiv duftendes Aftershave auf mein Gesicht verteilt und nach einer kräftigen Schultermassage fühlte ich mich nicht nur frisch rasiert sondern auch absolut tiefenentspannt.

Nachdem auch mein bester Freund im Gesicht rundum erneuert war zahlten wir dem Barbier einen überschaubaren Geldbetrag und gaben dem Auszubildenden ein kleines Trinkgeld. Dann packten wir unsere Koffer und warteten auf den Bus der uns zum Flughafen brachte….

Langsam wird es ein bisschen kühl auf dem „Sonnenuntergangs-Bänkchen“. Ich mach mich auf den Weg zurück zum Parkplatz an der kleinen Kapelle. Ich fühl mich wunderbar erholt und nehme mir vor, wenn mich in diesen Zeiten der vorherrschenden Pandemie wieder einmal das Fernweh packt, dann komme ich hierher zurück, nehme mir eine Urlaubserinnerung und dann schippere ich vielleicht mal mit dem Hausboot auf dem Shannon durch Irland….